Auseinandersetzung Eurythmie Salon

Bettina Grube

im Eurythmie Salon an der Alster | 14. März 2021

Bettina Grube | Foto © Privat

Ankommen
„Oh! Ich muss noch meine Maske holen“, sagt Bettina als wir uns begrüßen. Ich denke an ihre Persiflage ‚Haddekar‘, in der sie eine übergroße Charaktermaske trägt. Dann sehe ich die OPMaske in ihrer Hand. Ach ja, stimmt! Ich trag sie ja auch. Bettina ohne Maske: ein bekanntes Bild; Bettina mit: eine Verkleidete. Die Veranstaltung darf stattfinden! Was für ein Geschenk. Der Raum füllt sich nach und nach. Luftige Stuhlreihen. Platz um mich auszudehnen. Gebremste Atem- Atmung hinter der Maske neben großzügiger Raumatmung. Bettina, sitzend, wartet am Rand auf den Beginn: Geerdet, zurück gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Augen greifen interessiert, wach in den Raum und sagen: Ich bin da; wer noch?

Los geht’s!
12 Seiten in meinem Notizbuch, kleiner als A5, mit Bettina. Knappe 1,5 Stunden im Rudolf-Steiner- Haus Hamburg mit Bettina und 30 MithörerInnen.
Bettina, der die Bretter, die die Welt bedeuten, Heimat sind.
Bettina, die lacht und strahlende Kindes Augen hat.
Bettina, die Herman van Veen verehrt.
Bettina, die erzählen kann, richtig erzählen kann.
Bettina, die ein weißes Kleid und einen roten Mantel trägt.
Bettina, die zweifelt: „Das will doch keiner sehen!“
Bettina, die mit der Eurythmie lebt.
Bettina Grube.
Eurythmistin, Schauspielerin, Regisseur-Choreograph-Irgendwas-In (Der Job, für den es noch keinen Namen, aber höchste Notwendigkeit in der Bühneneurythmie gibt: ein „Auge von außen“. Ein Auge von außen, einen Wahrnehmenden, einen Spiegel, ein Gegenüber, dramaturgische Blicke und Fragen, und ein kreatives Schöpfen; das braucht‘s in der Szene!)

Bettina Grube | Foto © Charlotte Fischer

Bettina Grube eröffnet die Reihe „Eurythmie Salon an der Alster“. Eine Reihe von acht Abenden, an denen Hamburger-im-Herzen EurythmistInnen von ihrem Leben mit der Eurythmie erzählen. Alle sind sie etwas älter; nur im September da kommen drei Junge, die haben noch viel Eurythmieleben vor sich.
Ich bin Lea. Eurythmistin, Künstlerin, Verkäuferin im Bioladen und die Chronistin dieses Abends. [Duden: Chronist:innen – Jemand, der ein Geschehen verfolgt, beobachtet und darüber berichtet.] Mein Auftrag ist, über diesen und weitere Abende zu schreiben. Kein nüchterner Bericht soll es werden, sondern ein Transportieren von Atmosphäre und von meiner inneren Resonanz, eine Würdigung der KünstlerIn und ein Beitrag zu einer diversen Diskussion in und um die Eurythmie- Szene. Toll, wenn mir ein Bruchteil gelingt!
35 Jahre liegen zwischen Bettina und mir.

Antichrist | Foto © Wolfgang Held

Bettina, be-tagte Eurythmistin, reich an Erfahrung und von Lebens-Tagen be-lebt!
Schnell und sprühend purzelt sie in ihren Bericht, in ihre Geschichte; fängt da an, als sie mitten drin ist, als die eurythmische Arbeit zu ihrer Lebensmitte wird. „Familie gründen?!“, fragt sie sich auch auf ihrem Weg, doch: „Ich konnte nicht, ich musste immer weiter machen! Ich weiß nicht warum.“ Bettina steckt seit ihrer Ausbildung in Hamburg 1983 eine schier unerschöpfliche Zeit, Kraft und Leidenschaft in Ensemble- und Projektarbeit: die Eurythmie Bühne Hamburg, Ashdown Eurythmy in England und die Mitgründung des Mondensembles; währenddessen und danach gibt es weitere Forschungs- und Bühnen-Projekte. „Die Tourneen haben uns an Grenzen gebracht, aber mit viel Humor haben wir das überstanden“, erzählt sie von der Ashdown-Tourbus-Zeit, in der sie „naiv englisch durch die Welt gereist sind“.
Was in aller Weltgottsnamen treibt Bettina denn an?, frag ich mich.
Im Laufe des Salonabends nennt sie zwei Themen, zwei Fragen, die ihr bis heute Motor sind. Zum einen: „Wie kann man etwas auf der Bühne darstellen, was von unsichtbaren Räumen, von unsichtbaren Welten erzählt, von Substanzen, von Kräften, vom Seelischen?“ Dazu zeigt sie Filmausschnitte früherer Programme, deren Inhalt z.B. die Darstellung des Sterbens und des Seelenlebens nach dem Tod ist oder die Fantasie einer alten Dame, die auf ihre jungen Jahre zurückblickt. Von dem „Wie“ diese Inhalte ausgedrückt werden, bekomme ich durch den Film eine Ahnung; eine Vertiefung ins „Wie“ führt zu den eurythmischen Mitteln, und zu der zweiten Frage, die Bettina antreibt: „Was ist die Eurythmie eigentlich für eine Kunst?“

„Ihr wirkt so sicher in euren Gebärden und Gesten! Aber die Sicherheit interessiert mich nicht. Ich möchte von euch sehen, welche Fragen ihr habt. Ich möchte, dass ihr auf der Bühne eure Fragen mit dem Publikum teilt!“, zitiert Bettina Herman van Veen aus ihrer Zusammenarbeit im Mondensemble.

Bettina bringt Brecht ins Boot. Es betrifft eine Frage, die mich schon länger beschäftigt: Zwischen Publikum und PerformerInnen, findet dort Berührung statt? Erleben PerformerInnen und Publikum ein gegenseitiges inneres Berührt-Sein? Was passiert denn da? Und wann? Und warum dann? Im Boot mit Bertolt Brecht: Brecht prägte den Begriff „Vierte Wand“. Es soll nicht um ein Bespielen des Publikums gehen, bei dem dieses vom Guckkasten her bestrahlt und beladen wird, sondern um eine Einladung. Eine riesengroße Einladung in einem gemeinsamen Raum zu sein. Das Publikum wird zur vierten Wand des Kastens. Eine Einladung als ein freilassendes, zutiefst vom Herzen ernst gemeintes Anliegen, denke ich, während Bettina Brechts Konzept erläutert. Aber wie geht das denn, einladen?
„Der Zuschauer nimmt wahr, was der Eurythmist innerlich erlebt und empfindet“, zitiert Bettina aus dem „Tonkurs“ nach Rudolf Steiner (in der Ansprache vom 18.2.1924, GA 277). Steiner und Brecht waren Zeitgenossen.
Gemeinsam mit Melaine MacDonald, Lehrerin, Kollegin und Forschungspartnerin von Bettina, und später mit weiteren KollegInnen beginnt ab 1996 eine Forschungsarbeit zum ‚Leib als Wahrnehmungsorgan‘. Bettina beschreibt, dass, wenn sie übt, „empfindend wahrzunehmen“, was sie tut, befindet sie sich immer auch in einer fragenden Haltung. Und innerhalb dieser liegt die Einladung an das Publikum. Nichts wiederholt sich auf der Bühne exakt ein zweites Mal. Ich muss die Wiederholung neu empfinden, sonst kann mein Gegenüber meine innere Bewegung nicht mitvollziehen; die ZuschauerIn wäre nicht Teil des Kastens, sie bliebe ausgeladen. Das – die Notwendigkeit der Integration im eigenen Leib und der ganz-leibliche Ausdruck auf der Bühne – resoniert auch in einer Zuhörerin und sie zitiert dazu Anandamayi Ma: „Und wenn du lachst, dann soll der ganze Körper lachen“. Kein leichter Job in einer Gesellschaft, in der eine zurückhaltende Körpersprache lebt, denke ich.

Fährmann des Todes | Foto © Marcel Sorge

Bettina ist in die Eurythmie hinein geboren. Über ihre Mutter hat sie von Kindertagen an Kontakt zu Else Klink, Leiterin des Eurythmeums in Stuttgart (1935-1991). Sie wird für Bettina eine Vertrauensperson, eine Wegbegleiterin aus der Ferne. Bettina stellt sich, einmal angefangen, nie die Frage mit der Eurythmie wieder aufzuhören, doch Zweifel und Krisen bleiben nicht aus: „Keiner will das sehen!“ – „Es gibt nur bestimmte Kreise“, denkt sie: „Die Eurythmie ist nicht bühnenwirksam.“ – „Ich bin damit alleine.“ Doch ihre Motor-Fragen bleiben auch: „Wie kann man etwas auf der Bühne darstellen, was von unsichtbaren Räumen, von unsichtbaren Welten erzählt, von Substanzen, von Kräften, vom Seelischen?“, und: „Was ist die Eurythmie eigentlich für eine Kunst?“. Else Klink kann nicht verstehen, warum Bettina mit ihren KollegInnen versucht, diese Fragen auf der Bühne zu bearbeiten, da sich die Eurythmie doch von selbst erkläre. Doch Bettina versucht das; ihr Anliegen ist, dem Publikum die Eurythmie näher zu bringen; mit Anspruch: Je künstlerischer, desto besser!
In die Eurythmie-Ausbildung in Hamburg kam sie mit der Frage, was bringt die Eurythmie „meiner“ Kunst. Sie begreift sich als Künstlerin und folgt der Entwicklung ihrer eigenen Kunst. Mit „Ohne Kunst ist der Mensch kein Mensch“ unterstreicht Bettina, welche Rolle die Kunst für sie im Mensch-Werden spielt. Sie ist ehrlich: Sie kritisiert stark und direkt, wenn Aufführungen sie langweilen. Und sie liebt den Potenzialraum der Eurythmie, in der noch so viel möglich, noch so viel unbekannt ist; hier fühlt und fühlte sie sich frei genug, hier fühlte sie genug Raum um sich zu entfalten. „Du trägst eine nicht zu bremsende kreative Quelle in dir. Es will kreieren in dir“, sagt Melaine MacDonald unter den ZuhörerInnen des Abends. So klingt ein langjähriger Blick von außen auf Bettinas Schaffensdrang. Und diese Quelle scheint auch im Alter von 64 Jahren noch lange nicht ausgeschöpft zu sein.
Ein Blick in die Zukunft: Bettina, was braucht die Eurythmie?
Da hat sie einen klaren Wunsch: Regisseur-Choreograph-Irgendwas-Innen! (Der Job, für den es noch keinen Namen, aber höchste Notwendigkeit in der Bühneneurythmie gibt: ein „Auge von außen“. Ein Auge von außen, einen Wahrnehmenden, einen Spiegel, ein Gegenüber, dramaturgische Blicke und Fragen, und ein kreatives Schöpfen!) Nach den Eurythmistinnen der ersten Generation wurde diese Aufgabe nur selten übernommen; Bettina wünscht sich, dass mehr Leute, so wie ihr Lieblingsregisseur Rob Barendsma, diese Aufgabe in der Eurythmie-Szene ergreifen. Auch sie selbst will mehr gucken, will durchs Beobachten lernen. Und wenn alle wieder dürfen, will sie weiter auf den Brettern stehen; den Brettern, die ihre Welt bedeuten: „Solange ich noch kann“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln unter ihren strahlenden Augen.

Auf Wiedersehen
„Danke, Bettina. Du darfst dir die Blumen umständehalber selbst nehmen!“, schließt Danuta Swamy von Zastrow, die Salonière des Abends, auf die Vase deutend. Leichtigkeit liegt in der Luft. Es bilden sich Gesprächsgrüppchen maskierter Bekannter. Ich bin erfrischt. Entgegen mancher meiner Erfahrung mit Eurythmieveranstaltungen war das Zeitmaß des Abends sehr angenehm, Bettina; das Publikum wurde zu Brechts vierter Wand, du hast uns eingeladen mit in deinem Boot zu sitzen; herzlichen Dank.
Offen bleibt: „Was ist die Eurythmie eigentlich für eine Kunst?“. „Wie kann man etwas auf der Bühne darstellen, was von unsichtbaren Räumen, von unsichtbaren Welten erzählt, von Substanzen, von Kräften, vom Seelischen?“ Dazu nehme ich Ideen mit nach Hause. Doch, Bettina, was könntest du dazu noch erzählen? Welche Antworten und welche neuen Fragen hast du während deiner Lebensarbeit darauf gefunden? Ich verbleibe gespannt.