Eurythmie Salon

Jürgen Frank mit 6 Schüler:innen

im Eurythmie Salon an der Alster | Sonntag, 6. Juni 2022

Jürgen Frank | Foto © Privat

Erkenne ich die Bedürfnisse meiner Schüler:innen?
Wie bleibe ich am Puls der Zeit?
Was ist zeitgemäßer Eurythmie Unterricht?
Ist der Lehrplan noch aktuell?
Was sind die eigentlichen Ziele des Unterrichts?
Wie kann ich die Schüler:innen befähigen selbstständig zu arbeiten?
Was geschieht im nächsten Lockdown?

Begrüßung auf der Bühne

Im Rudolf Steiner Haus in Hamburg begrüßt Jürgen Frank im Großen Saal das Publikum von der Bühne aus. Er führt ein: Das Geschehen heute wird in zwei große Abschnitte aufgeteilt: Der erste Abschnitt ist hier auf der Bühne und die Anwesenden werden Solo-Arbeiten von 6 Schüler:innen, sowie ein kurzes Gespräch mit Ihnen erleben. Danach geht es unten im 8-Ecksaal mit seiner Salon-Erzählung weiter.

In der zwölften Klasse in der RSS Bergstedt arbeitet auch dieses Jahr wieder jede:r der 33 Schüler:innen ein Solo laut- oder toneurythmisch aus. Dazu gehört das Kostüm selbst zusammen zu suchen bzw. zu entwerfen, sowie die Lichtregie zu überlegen. Alle 33 Soli werden auf der Bühne im Festsaal der Schule als durchgehender Reigen der Öffentlichkeit gezeigt.

Für seinen Salon am 6. Juni im Steiner Haus erklären sich 6 seiner Schüler:innen bereit, ihre Soli noch einmal zu zeigen. Hinterher stellt er Norea, Emelie, Ella, Henrik, Lea und Angelia jeweils eine Frage, die etwas herausholen soll über ihre Intention, Vorbereitung und Erfahrungen.
In diesen Fragen erkennt man die Intentionen wieder, die in Jürgens eigener Vorbereitung zum heutigen Salon (siehe oben) richtunggebend sind:

1. Norea, was nimmst du mit von dieser langen selbstständigen Arbeit, was hast Du erlebt und was ist vielleicht neu entstanden?

2. Emelie, Du bist in Deiner Kindheit immer wieder zwischen Deutschland und den USA gependelt und erst sehr spät in unserer Schule gekommen. Wie war es für Dich ein Gedicht im Englischen zu arbeiten, nachdem Du von mir letztes Jahr weitgehend nur die deutschen Laute kennengelernt hast?

3. Ella, Du hast mich ja verblüfft damit, dass Du unglaublich schnell gearbeitet hast und ich hatte den Eindruck, dass Du eurythmisch nicht buchstabiert hast. Kannst Du beschreiben, wie Du zu Gebärden gekommen bist?

4. Henrik, Du hast Dir ein Gedicht gewählt, welches ich eigentlich abgeraten hatte. Aber Du warst sicher, dass Du genau diesen Text machen möchtest. Wie bist Du damit klargekommen?

5. Lea, was war für Dich besonders daran, oder worin bestand die Herausforderung ein humoristisches Gedicht zu gestalten?

6. Angelia, Du kannst sehr viel und ich habe die Frage: kannst Du beschreiben, was für dich persönlich der Unterschied zwischen einer Bewegung in Eurythmie und im Tanz ausmacht? Was war die Herausforderung, der Du Dich stellen musstest?

Nun gehen alle nach unten und dort geht es dann weiter

Ich will als Erstes ein wenig aus meiner persönlichen Vita erzählen …

… und hoffe, dass ich es einigermaßen kurzfassen kann. Denn, wenn ich so über mich selbst nachdenke, finde ich so vieles wichtig. Es ist ein bisschen so, wie wenn du einen Apfelbaum beschneiden möchtest. Dann wartest du, bis die Blätter abgefallen sind und versuchst zu erkennen, wo der Haupttrieb des Baumes ist. Du siehst viele schöne tragende Äste, aber auch viele, von denen du dich im Nachhinein trennen kannst.

Aufgewachsen in Köln-Ehrenfeld der Fünfzigerjahre – Trümmergrundstücke – wenige Autos – Spielen auf der Straße. Meine Eltern, Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die mittellos in dieses Land kamen – aufbauen, ein besseres Leben haben …

In unserem Elternhaus gab es keine Kunst, keine Musik, kein Theater, keinen Tanz, keine Bücher, noch nicht einmal ein Radio. Wer den Konservatismus der Zeit, in der ich Kind war, nicht kennt, kann sich das überhaupt nicht vorstellen, wie eng und erdrückend das gewesen ist. In der Grundschule gab es noch Prügelstrafe – eine Lehrerin, die immer noch vom Krieg erzählte. Alle Entwicklungsgesetzmäßigkeiten und Krisen, die ich später durch die Anthroposophie einordnen konnte – habe ich existenziell und heftig durchgemacht.

Nachdem ich lesen gelernt hatte, durfte ich mir in der Stadtbibliothek regelmäßig Bücher ausleihen und dies wurde mein Zugang zur Welt. Ich habe mir die Welt erlesen. Mit zwölf war ich mit der Jugendbibliothek fertig und landete bei Böll.

Ich möchte ganz wenige Dinge aus meiner eigenen Schulzeit benennen:

Eine Lehrerin, die uns in der Quinta erlaubte Gedichte auswendig zu lernen und vorzutragen. Mir ging das Herz auf. John Maynard, die Kraniche des Ibykus – das war wirkliche Seelennahrung für mich.
Ein Umweltreferat in der neunten Klasse. Ich las das Buch des Club of Rome und realisierte, dass die Art, wie wir mit der Welt umgehen, zu Katastrophen führen wird.
Ein Biologielehrer der Oberstufe, der mich mit seinem Wissen beeindruckte, aber meine eigentliche Frage nach dem, woher das Leben kommt, nicht beantworten konnte.
Ein Kunstlehrer in der Oberstufe der sicherlich kein begnadeter Pädagoge war, aber ein wunderbarer Mensch und Künstler.


Nach dem Abitur …

… irrte ich ein wenig durch die Welt, war sehr in der alternativen Szene verankert, las alternative Literatur, demonstrierte und suchte nach einem Anknüpfungspunkt, nach etwas, wofür es sich lohnte zu leben.

Durch völlige Zufälle, und ich will die Geschichte jetzt nicht erzählen, wie es dazu gekommen ist, lernte ich einen Waldorfschüler kennen, der mir von Eurythmie erzählte und dies so tat, dass es in mir irgendetwas auslöste. Ich bin dieser Spur dann nachgegangen, habe auch wiederum durch Zufall die Adresse der Eurythmie-Ausbildung in Berlin gefunden und dorthin geschrieben, dass man mir doch einen Prospekt zuschicken möge.

Parallel dazu hatte ich die guten Gedanken, einmal aufzuschreiben, nicht was ich werden wollte, sondern, was mich wirklich interessiert, was ich gerne lernen möchte. Da ich davor immer nur wusste, was ich nicht wollte, war das ein entscheidender Moment in meinem Leben –

Ich bekam Antwort, trampte nach Berlin und stellte mich bei Helene Reisinger vor. Da saß sie also vor mir, diese wirklich beeindruckende alte Dame. Sie muss so um die 75 Jahre alt gewesen sein und ich hatte zum ersten Mal wirklich Respekt, Achtung vor einem älteren Menschen.

Sie sagte dann, dass sie mich aufnehmen würden für das Studium, was schon laufen würde, aber ich soll es mir doch erst einmal anschauen. Ich trampte also zurück nach Köln. Zwei Wochen später wie¬der zurück nach Berlin. Und machte mich auf den Weg zum Eurythmie-Abschluss des vierten Jahres im September 1980.

Nun erzähle ich die kurze Episode, wie ich auf dem Weg …

… zur Schule in der Clayallee ins Gespräch mit einer jungen Dame kam und die Aufführung gesehen habe. Sie begegnete mir schon draußen auf der langen Straße von der U-Bahn zur Schule, war früher selber in dem Kurs gewesen und nahm mich Unwissenden mit in die Aula.

Nach dem ersten Stück fragte sie leise: Na, wie gefällt es Dir und ich antwortete: Toll. Und die Sprache – Klasse. Kurz um, ich war begeistert. Sie war tatsächlich ein wenig erstaunt. Ich sah die Sprache, ein ungeheures Erlebnis! Es gab Gedichte in verschiedenen Sprachen, die eurythmisch dargeboten wurden und ich hatte das Empfinden, die Texte in mir unbekannten Sprachen zu verstehen. Also ein eher fühlendes Verständnis – ein Erlebnis. Ähnlich verhielt es sich mit der Toneurythmie. Ich sah die Strukturen der Musik – nicht irgendetwas zur Musik, sondern einen Teil der Bilderwelt meines Inneren entfaltete sich in lebendigen Formen und Farben auf der Bühne.

Dann kam alles ins Rollen und ich fing in der Eurythmie-Schule in Berlin an und habe vier Jahre studiert. Danach haben wir, u. a. auch meine damals zukünftige Frau und eine Gruppe von ca. zwölf Men¬chen uns regelmäßig getroffen, gemeinsam eurythmisch gearbeitet, Aufführungen gemacht. Es folgte eine Weiterbildung in Holland bei Werner Barfod – wo ich einen goetheanistischen Ansatz zum Verständnis dessen vermittelt bekam, was wir in der Eurythmie-Ausbildung gelernt hatten.

Dann kam der große Moment, da wir uns entschlossen nach Hamburg zu gehen. Und 1985 in der Bergstedter Waldorfschule als Eurythmiepädagogen anfingen. Ich muss dazu sagen, dass wir keine pädagogische Ausbildung hatten, eigentlich auch kein Unterrichtsmaterial. Das einzige, was wir gemacht hatten, um uns auf den Unterricht vorzubereiten, war eine zweiwöchige Hospitation bei ei¬nem jungen Kollegen in Berlin, der gerade zwei Jahre unterrichtete. Das sollte reichen …

Was wir aber hatten, war eine solide künstlerische Ausbildung und manches Pädagogische hatten wir tatsächlich auch gelernt, ohne dass wir das mitbekommen hatten.


Im zweiten Teil möchte ich jetzt über meine schulische Vita sprechen.

Ich erzähle zuerst meinen ersten Eindruck, wie ich versuchte, in meinen Eurythmie-Raum zu kommen: Ich sah eine Art Schneetreiben – das waren die durch den Raum fliegende Eurythmieschuhe – völlig chaotische Schüler, eine achte Klasse die zwei Vorgängerinnen erledigt hatten, meine Vorgängerin nannten sie Miss Piggy, da sie immer rosa gekleidet gewesen war.

Dann eine atemberaubende vierte Klasse, die aus meiner heutigen Sicht völlig formlos war. Laut schreiende Kinder und Eurythmie war an dieser Schule so ziemlich das Letzte und so verhielten sich die Schüler:innen. Ich kam immer wieder nach Hause und sagte zu meiner Frau: Die sind völlig verrückt – aber ich mag sie.

Mein einziger Anker war eben meine Frau als Gesprächspartnerin und Ideengeberin. Und ich konnte meinen Freund in Berlin anrufen und fragen: hast du irgendeine Idee, welches Stück man mit ihnen arbeiten kann. Wir lebten ja, aus der Ausbildung kommend, in der Vorstellung, man müsse Stücke arbeiten.

Mein Freund gab mir damals noch den Rat: Bevor du nicht drei Jahre überstanden hast, gib nicht auf. Nach einigen Jahren haben wir wieder telefoniert und er sagte: Ja das mit den drei Jahren, das war nicht ganz richtig. Eigentlich braucht man sieben Jahre, um in der Schule gut anzukommen …

In einem weiteren Gespräch, Jahre später, erzählte ich ihm, die sieben Jahre hätte ich ja nun auch hinter mir. Er stutzte und sagte: Ja, ich muss dir leider sagen: Also, wenn du dich wirklich mit der Schule verwurzeln willst, mit Eltern, mit Lehrer:innen, mit dem gesamten Organismus dich verbinden willst, dann dauert das zwölf Jahre! Na, vielen Dank, auch lieber Freund … aber er hatte nicht unrecht.

Es gelang mir mit der Zeit die Eurythmie in dieser Schule zu einem anerkannten Unterrichtsfach zu entwickeln, und zwar vor allem über Aufführungen, nach denen die Schüler:innen und auch die Lehrer:innen und Eltern sagten: Ach, das ist ja doch gar nicht so schlecht. Parallel gab ich dann auch noch einen Laienkurs – keine Ahnung, wo ich die Kraft herhatte.

In den Sommerferien konnte ich bei zwei großen Bühnenprojekten der Hamburger mitarbeiten – durfte dort Carina Schmidt und sogar Elena Zuccoli in der Arbeit kennenlernen.

Schülerinnen | Foto © Privat

Und diese völlig verrückte achte Klasse – mit der studierte ich dann auch das Klassenspiel in der zwölften Klasse ein – machte fünf Jahresarbeiten in Eurythmie und führten Ende der zwölften Klasse zwei große Nelly Sachs-Chöre auf. So gelang nach und nach eine Wendung. Und Eurythmie war auch in der Konferenz schon lange kein Thema mehr, was alle tief beruhigte.

Ich muss aber betonen, dass die Kollegen mich die ganze Zeit über total unterstützt haben. Man lobte, man sprach mir Mut zu und jede kleine Aufführung wurde zumindest in den ersten Jahren nachhaltig gewürdigt. Auch das Deputat wurde so klein gehalten, sodass ich wirklich eine Chance hatte mich als Lehrer zu entwickeln.

So habe ich dann viele Jahre immer zufriedener werdend unterrichtet und mich kaum außerhalb dieser Schule bewegt. Ein Versuch einer Weiterbildung während einer Tagung in Dornach missglückte, da ich eigentlich völlig andere Fragen hatte, als „was mache ich mit einer siebten Klasse …“

Einmal geschah Einschneidendes:

Nach einigen Jahren sah ich plötzlich auf der Bühne etwas – meine Klasse führte ein Stück auf – plötzlich realisierte ich, dass ich mich selbst sah! Ich sah, dass die Schüler die Kopien meiner Bewegung waren. Und noch schlimmer: ich sah, dass auch ich Bewegungen meiner Lehrer kopiert hatte und diese meinen Schülern weitergegeben hatte! Dieser Schrecken führte dazu, dass ich zart anfing, meine Art des Unterrichtens zu verändern. Einen eigenen kleinen Lehrplan hatte ich schon längst für mich gemacht. Weil es ja darum ging, welche Fähigkeiten will ich eigentlich entwickeln. Was sollen die Schüler eigentlich können, wenn sie dann in der zwölften Klasse sind?

Dann kam die Anfrage, ob ich bei dem Aufbau eines Lehrerseminars in der Ukraine als Eurythmie-Dozent mithelfen könne. Und so bin ich dann mehrere Jahre lang mindestens zweimal im Jahr in die Uk¬raine geflogen und habe dann mit verschiedenen Berufsgruppen im Seminar Eurythmie machen dürfen. Das war eine großartige Zeit, da ich lernen musste, anders zu sprechen. Und zwar so, dass ein Übersetzer das auch über¬setzen kann. Also kurze klare deutliche Sätze. So übte ich formulieren. Ein besonderes Erlebnis hatte ich allerdings an einem Tag, als ich in den Raum kam, der keine Ähnlichkeit hatte mit dem, was man sich als Eurythmie-Raum vorstellt. Ein schräger Boden, Stühle an den Enden, hier hat man kleine Veranstaltungen gegeben, ein Lehrerfortbildungszentrum sowjetischer Prägung. Ich betrat den Raum und fragte, wo denn der Übersetzer wäre?

Aber da war niemand und auch die Frage nach einer Pianistin wurde nicht positiv beantwortet. Also musste es so gehen – und es ging. Eurythmie ohne Sprache und ohne Musik. Das war ein ganz wunderbares Erlebnis! Ich denke, es waren die vier besten Stunden, die ich in dieser Zeit gegeben habe.

Dann las ich durch Zufall …

… dass es eine Bachelorausbildung in Holland für Berufstätige gäbe und dachte, es wäre doch mal wirklich gut von anderen Menschen zu lernen. Die Schule unterstützte mich in diesem Plan und ich konnte den Bachelor in Holland mitmachen. Übrigens etwas Wunderbares, eine Bachelorarbeit als erfahrener Kollege zu schreiben, man weiß, was und worüber man schreiben will. Ich wurde dann gebeten, in der Ausbildung in Holland regelmäßig im vierten Jahr Oberstufendidaktik zu geben. Und ich war von da an auch im Bachelor tätig, was eine wunderbare Zeit wurde. Ich kam in einen Kreis von Menschen hinein, wo ich das Gefühl hatte: Wir gehören wirklich zusammen. Wir ziehen an einem Strang für die Eurythmie.

Dort hörte ich dann auch von dem Jugend Eurythmie Festival in Witten, wo ich unmittelbar danach mit einer freiwilligen Gruppe aus einer 13. Klasse hinfuhr. Dadurch, dass diese Schülerinnen deutlich gemacht hatten, dass sie Eurythmie auch in der 13. Klasse haben möchten, konnten wir sehr einfach die Schulgemeinschaft überzeugen, als das System der Oberstufe zur Profiloberstufe umgestellt wurde, Eurythmie als vollgültiges Fach in Klasse zwölf und Klasse 13 zu etablieren. Es war auch möglich dieses Fach abzuwählen, aber die Eurythmie wurde, nicht nur, weil sie so grandios ist oder ich so grandios bin, immer von sehr vielen Schüler:innen gewählt. Schüler sind ja ganz pragmatisch, es ist auch ein Bewegungsbad, was einfach gut tut in all den Sitzfächern. Und es gibt natürlich (fast) keine Hausaufgaben. Seit vielen Jahren haben wir also die Eurythmie in Klasse 12 und 13 etabliert und dies ist eine Erfolgsgeschichte, und die Eurythmie ein Aushängeschild dieser Schule.

Das nächste Highlight …

war natürlich die Frage aus Alfter, ob ich an einem Forschungsprojekt zu ‚Eurythmie Pädagogik heute‘ teilnehmen möchte. Das war eine unglaublich reiche Zeit. Wir wurden dort ausgesprochen gut gecoacht, arbeiteten in einer Gruppe erfahrener Eurythmisten zusammen und das in aller Offenheit ohne Starallüren. Ich habe in der Zeit sehr viel gelernt.

Ich las Fachbuch auf Fachbuch, habe mich mit allen pädagogischen Fragen beschäftigt, die Menschenkunde von Rudolf Steiner ausgiebig studiert und – nochmals – sehr viel gelernt. Ein Forschungsthema war zum Bei¬spiel: Wie kommen wir zu gemeinsamen Begriffen über den und in dem Eurythmie-Unterricht. Wie funktioniert das eigentlich mit der Begriffsbildung?

Ein zweites Forschungsthema war: stumme Formen. Weshalb hat Rudolf Steiner eigentlich diese stummen Formen entwickelt? Und wenn man Steiner-Formen einfach nur übt und sie sind wirklich wahr, dann müsste man sie doch auch verstehen können, wenn man gar keinen Text dazu hat? Sie müssten doch aus sich heraus sprechen? Tun sie das? Ich habe damals zum Beispiel mit einer zehnten Klasse ein halbes Jahr fast durchgehend stummen Unterricht gehabt. Nicht nur die Schüler, auch wir haben eine Sehnsucht nach Stille!

Dass mein Unterricht …

so gelingen konnte, meine Entwicklung so ruhig und ohne große Einbrüche gelaufen ist, hat viel mit den Menschen zu tun, mit denen ich gearbeitet habe. Es ist zum Beispiel meine Frau, die mich immer beraten und mir geholfen hat, wo sie konnte.

Jürgen Frank | Foto © Privat

So z.B. die ganze wunderschöne Ausstattung bei den 13. Klasse-Abschlüssen. Mein Pianist, der 30 Jahre mit mir gemeinsam gearbeitet hat und der nicht nur Klavierbegleiter war, sondern Berater und Mitgestalter des Unterrichtes. Dann auch Freunde, die mir geholfen haben, wie zum Beispiel jetzt auch in den letzten zwei großen Projekten Cornelia Klose, die Lust hatte mit meinen Schülern was zu machen und wunderbare musikalische Formen beigetragen hat. Der eigentliche Abschluss war schon 2019. Wir haben ein Jahr lang mit einer 12. Klasse für die großen Aufführungen im Tempodrom (Fest 100 Jahre Waldorfschule) gearbeitet und dem Beethoven mit zwei anderen Klassen aufgeführt. Das war doch großartig. Ich durfte mir Kollegen aus¬suchen, habe damals Frederike von Pilsach und Jutta Rode-Röh gewählt. Und wir haben drei Klassen zusammengeführt in eine ganz großartige Aufführung von Beethovens 7. Sinfonie zu Walldorf 100.

Ja, das ist es im Groben –

Ich durfte als Eurythmie Pädagoge in der Schweiz unterrichten, in England in China, in der Ukraine, in den Niederlanden, in Witten, im Master in Alfter und immer, wenn ich einen Schritt gemacht hatte, tat sich etwas Neues auf. Ich bin so glücklich darüber, dass ich damals auf diesem kleinen Satz von einem jungen Mann, den ich auf den kanarischen Inseln getroffen hatte, reagieren konnte und etwas gefunden habe, was mit meinen Idealen, die ich nur ahnend in mir getragen habe, korrespondierte. Ich habe meine Heimat hinter mir gelassen und ich habe eine neue gefunden.