Interview

QuoVadis führt Eurythmie Impresariat in Holland weiter

Ein Internationaler Ausblick.

Vor anderthalb Jahren entschied sich Imke Jelle van Dam, seine Tätigkeit als Organisator von Eurythmie-Aufführungen (’Euritmie Impresariat Nederland’) nach 30 Jahren zu beenden. Imke Jelle hoffte so, den Weg für neue Initiativen auf diesem Gebiet frei zu machen. Nun freut er sich, dass Ernst Reepmaker mit seiner QuoVadis Agentur diese Arbeit fortsetzen wird. QuoVadis wird neben den Niederlanden auch in Deutschland, Österreich und in der Schweiz aktiv werden.

Imke Jelle van Dam: Du willst in Österreich, Deutschland, in der Schweiz und Holland eine internationale Eurythmie Agentur mit dem Namen QuoVadis aufbauen. Kannst Du skizzieren, wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist?

Ernst Reepmaker: Man kann heutzutage kaum mehr Eurythmieproduktionen sehen, die von professionell arbeitenden Eurythmist_Innen gestaltet werden, d.h. diese Performer_Innen leben von der Bühnenkunst. Denke ich zurück an meine Studienzeit (in Den Haag/NL) in den achtziger Jahren, war das Eurythmie-Angebot in Theatern weitaus größer und wir konnten regelmäßig Ensembles mit divergierenden Stilen sehen und erleben. Die Auftritte dieser Ensembles inspirierten uns! Es existierte eine große Zahl an Eurythmieausbildungen, geleitet von Persönlichkeiten mit ausgespochen künstlerischem Charisma, die auch eigene Ensembles gegründet hatten und mit diesen regelmäßig auf Tournee gingen. Bühneneurythmie als Kunst, professionell oder wenigstens semi-professionell produziert und ausgeführt, lebte in West-, Mittel- und Nord-Europa und wurde damals von einem interessierten Publikum, allerdings fast ausschließlich innerhalb des anthroposophischen Kontextes, geschätzt.

Obwohl manche Ensembles auch in Theatern auftraten, fanden die meisten Aufführungen in Sälen der Freien Waldorfschulen statt. Tatsache war: Bühneneurythmie fand kaum Beachtung im übrigen Kulturgeschehen, blieb ein Phänomen am Rande. Inzwischen sind die Ausbildungen dramatisch dezimiert und so es noch Vollzeitausbildungen gibt, sind diese fast ausschließlich auf Eurythmiepädagogik und -therapie hin ausgerichtet. Eurythmie als Bühnenkunst ist eine marginale Erscheinung geworden, sogar innerhalb des anthroposophischen Cirquits: es kaum sind noch Ensembles unterwegs und das Interesse für Bühneneurythmie hat beim Publikum nachgelassen.

Ich selbst habe Anfang der neunziger Jahre begonnen, zunächst semi-professionell und später professionell, eine eigene Form des Eurythmietheaters zu entwickeln. Mit verschiedenen Ensembles und unter dem Namen Fundevogel Eurythmie-Theater organisierte ich als Produzent, Regisseur, Choreograf und Dramaturg viele Tourneen durch einen Großteil Europas. Durch besondere biographische Umstände bedingt, konnte ich Ende der Neunziger Jahre ein intensives Verhältnis zu der freien Performance Szene Wiens aufbauen, wo ich lebe und arbeite. Ich habe, sowohl innerhalb als auch außerhalb der anthroposophischen Bewegung sehr viel Erfahrung mit professioneller Kulturarbeit gesammelt und weiß bis ins Detail, was es heißt für die Bühne zu produzieren und davon zu leben.

Die erfolgreichste Produktion von Fundevogel – Terang Bulang und das Wünschen (2001 – 2003)

Diese beiden Motive, das zunehmende Verschwinden von Eurythmie als Bühnenkunst und mein eigener Weg in den vergangenen dreißig Jahren, haben meinen Entschluß reifen lassen, eine Agentur für professionelles Produzieren mit Eurythmie zu gründen. In Holland hast Du selbst, Imke Jelle, mehr als dreißig Jahre mit Deinem Euritmie Impresariaat Nederland fantastische Arbeit geleistet, um Bühneneurythmie in der Kulturlandschaft zu etablieren. Auf dieser Basis kann ich in Zukunft aufbauen. Ich habe meine Initiative QuoVadis Eurythmie Impresariat genannt: Es geht darum, neue Wege zu finden um professionelle Arbeit mit Bühneneurythmie zu fördern.

Imke Jelle van Dam: Anfang März schlug ich Dir vor, als Vorbereitung für Deine Impresariatsarbeit für Dich eine Tour durch Holland zu organisieren. Du hast zugestimmt und so reisten wir vom 18. bis zum 24. April kreuz und quer durch das Land. Welche Erwartungen lebten in Dir als wir unterwegs waren? Und was ist Dir im Nachhinein von den vielen Gesprächen geblieben?

Ernst Reepmaker: Das war ein prachtvolles Angebot von Dir! Ich nahm Deinen Vorschlag natürlich dankend an. Zwar trage ich eine große Menge an Ideen und Impulsen in mir, aber ich möchte die Impresariatsarbeit dialogisch angehen und meinen zukünftigen Partner-Innen nicht das Gefühl geben: Da kommt jemand, der uns seine Ideen aufdrängen will. Ich wollte und will also stets erfahren: Was lebt in diesen Persönlichkeiten? Was sind hier die aktuellen Themen? In welcher Richtung und was wird gesucht? Wie schätzen wir die gegenwärtige Lage der Bühneneurythmie miteinander ein? Und dann ging es mir schließlich darum, Möglichkeiten zu sehen, wie das QuoVadis Eurythmie Impresariat an die Arbeit und die Intentionen dieser zukünftigen Partner_Innen anschließen kann. Ich stelle viele Fragen und höre ihnen zu. Ich möchte begegnen und zusammen Bilder entstehen lassen, Möglichkeiten anschauen und Chancen sehen. Ich habe die Hoffnung und die Erwartung, dass wir miteinander einen lebendigen Diskurs führen werden über Wege, die wir beschreiten können, um die dramatische Situation der Bühneneurythmie positiv wandeln zu können. QuoVadis will diesen Diskurs offensiv und öffentlich führen, auch darüber publizieren, damit mehr und mehr Menschen unsere Aktionen und Vorstellungen wahrnehmen und den Impuls bekommen mitzuwirken. Das ist es, worum es mir geht, und dafür steht der name QuoVadis: was wollen wir und wo wollen wir hin?

Wir sprachen und sprechen mit Veranstaltern, u.a. Theatern, die Eurythmieproduktionen in ihre Programme aufnehmen werden, mit Performer_Innen, die an besonderen Produktionen arbeiten, mit Kollegien der Eurythmieausbildungen, mit Vorständen von Vereinen und Stiftungen und mit Persönlichkeiten, die sich für die QuoVadis Agentur einsetzen wollen. Der tägliche ‚Gesprächskalender’ war randvoll und auch in Deutschland ist wieder eine Fülle an Terminen (Berlin, Stuttgart, Bochum, Essen, Witten, Alfter) geplant. Für Holland steht schon fest: eine zweite Tour wird es wieder in Juni 2018 geben.

Eine kleine Auswahl von den vielen Themen, die bisher immer wieder zu Sprache kommen: Wünschenswert wäre, in den einzelnen Ländern, z.B. in Holland sechs oder sieben, Orte organisatorisch als Zentren aufzubauen, wo u.U. vier mal im Jahr ein Eurythmie-Ereignis stattfindet, so dass ein Rhythmus entsteht und ein Publikum aufgebaut wird. Wir könnten in diesen Orten für die Organisation Teams bilden, worin die Einzelnen jeweils eine spezifische Aufgabe übernehmen. Z.B. im Rahmen von jährlichen Abonnementzyklen wäre es möglich, ein abwechselungsreiches, diverses Angebot an Produktionen in unterschiedlichen Formaten (Vorstellungen, Try Outs, Aktionen, Soli-Abenden, Festivals) zu präsentieren. So könnte das Publikum beginnen damit zu rechnen, dass in jenen Orten regelmäßig gute, anregende, professionelle und aktuelle Bühneneurythmie zu sehen und erleben sein wird. Bestimmte Künstler_Innen und Ensembles könnten Auftragswerke zugesprochen bekommen und dadurch die Möglichkeit, etwas ganz Spezifisches auszuarbeiten und in Form einer Produktion zu präsentieren. Wie können wir neue und nachhaltige Finanzierungsformen für Bühneneurythmie entwickeln? Es entsteht die Absicht, eine neuartige Ausbildung, spezifisch für Eurythmieperfomer_Innen, Dramaturg_Innen und Choreograf_Innen zu gründen, die aus der zukünftigen Bühnenarbeit ihren Beruf machen wollen und bereit sind, dafür ein umfassendes Instrument-Training zu absolvieren. Wie kann ein an neuen Entwicklungen interessiertes Publikum aufgebaut werden? Wie können neu entstehende Ensembles gefördert werden? An diesen Fragen konkret heranzugehen ist dringend nötig. Gleichzeitig liegt einiges in der Luft, die Zeit scheint reif für neue Ansätze.

Melaine MacDonald
Auftritt in der Wotruba Kirche, Wien/am Georgenberg (2005) Foto: © Robert Hammel

Wir könnten, mehr noch als bisher, versuchen mit der eurythmischen Kunst in anderen Kontexten aufzutreten als auf Bühnen oder in Theatern. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und die gesellschaftlichen Entwicklungen nötigen uns dazu, mit der performativen Kunst viel offensiver in Erscheinung zu treten und bewusstheit-erweiternd zu wirken. Eine neue Ästhetik ist gefragt, ein anderes Engagement. Das Bedingungenfeld um werdende Eurythmie-Künstler_Innen – da gehören die Ausbildungen dazu – müsste sich ändern, aktualisieren. Alte Muster sollten überwunden und neue gebildet werden. Nochmals muss betont werden: es geht hier explizit um die existenz-sichernde Schulung und Tätigkeit von Bühnenkünstler_Innen mit Eurythmie als Hauptberuf und nicht um Pädagogik oder Therapie.

Und so ging es die ganze Zeit: Fragen, Bilder und wieder Fragen und dann tasten nach Antworten, die noch alles offen lassen, aber die uns anregen und begeistern um neue Pfade zu betreten. Aber vor allem ging es darum sich gegenseitig anzunähern und sich zu fragen: wollen wir möglichst bald miteinander zusammenarbeiten und aktiv tätig werden? Haben wir Bilder in uns, die uns motivieren? Die uns befeuern? Kann so etwas wie eine Bewegung entstehen?

Imke Jelle van Dam: Du warst gerade insgesamt drei Wochen unterwegs! Anschließend an unsere Tour durch Holland hast Du wieder viele Gespräche in Deutschland geführt. Begegnest Du dort derselben Offenheit wie hier?

Ernst Reepmaker: Ja, das ist ganz klar der Fall! Meine Gesprächspartner in Deutschland sind sich ebenfalls bewusst, dass der Bühneneurythmie neues Leben eingehaucht werden sollte. Anscheinend kommt die QuoVadis Agentur-Initiative zum richtigen Zeitpunkt: Viele Kolleg_Innen und andere Menschen teilen das Gefühl, dass jetzt Neues möglich scheint und sie sind bereit mitzuhelfen. Die Kolleg_Innen sehen QuoVadis als eine Chance, um selbst als Performer wieder aktiver zu wer- den, aber auch, um für Andere Möglichkeiten zu schaffen, den Weg in die Performance-Professionalität zu gehen. In meinen Gesprächen mit den Stiftungen entsteht derselbe Eindruck. Es liegt etwas in der Luft … Aber, genauso wie in Holland, sollen auch hier ebensoviele Gespräche stattfinden, um heraus zu bekommen, wo genau die Möglichkeiten und Chancen liegen, um Impulse wie die von QuoVadis zu verwirklichen. Die Eurythmieszene in Deutschland ist besser organisiert und strukturiert. Aber das Land ist natürlich viel größer und es stellt sich die Frage, ob Ansätze die für Holland passend wären, auch für Deutschland funktionieren.

Imke Jelle van Dam: Zurück nach Holland. Was Dir hier vorschwebt, kannst Du unmöglich alleine leisten. Was brauchst Du? Welche Menschen suchst Du?

Ernst Reepmaker: Es wäre schön, wenn wir jemanden finden, der/die in Holland – aber dasselbe gilt für Deutschland, Österreich und die Schweiz – als Koordinator für QuoVadis arbeiten wollen würde, jemanden die/der alle Aktivitäten überschaut und koordiniert; der/die mit Leidenschaft und kompetent mit den Organisationsteams vor Ort und mit der Kulturwelt im Land kommuniziert. Wir wollen eine neue Infrastruktur für Bühneneurythmie aufbauen und die genannte Persönlichkeit kann dies, mit QuoVadis als Stütze im Rücken, als Unternehmung anpacken. Dies ist zugleich ein Aufruf: Wer sieht sich hierzu imstande und in der Lage, ist motiviert diese Herausforderung auf sich zu nehmen? Ich freue mich über Reaktionen und auf das Gespräch!

Um die Arbeit großflächig zu ermöglichen, braucht es auch regional organisierte Teams, die mit QuoVadis zusammenarbeiten wollen. Diese Teams wären vor Ort zuständig für die konkrete Organisation der Vorstellungen. Und sie stehen natürlich in Verbindung zum Koordinator. Die Frage ist: welche Orte kämen in Betracht, Zentren für Bühneneurythmie zu werden? Welche Kriterien wären wichtig? Eine geeignete Spielstätte (z.B. Theater mit 120 bis 150 Sitzplätzen) mit einer guten Stimmung; eine lebendige anthroposophische Szene; Waldorfschulen in der unmittelbaren Umgebung; eine zentrale Lage und ein vielseitiges, gehaltvolles Kulturgeschehen, an das man anschließen kann.

Walk With Me (2013 – 2016): teamwork, eurythmisch –
Oder anders gesagt: Movopoetische Kunst / Foto: Lena Engel

Eine Skizze der Mandate für die Teammitglieder, die je nach persönlichen Interessen, Kompetenzen und Kapazitäten untereinander verteilt werden können: Kontakt zum Spielort; Übernachtungen und Verpflegung für die Künstler_Innen regeln; PR Arbeit vor Ort leisten; Erkundung und Nutzung der örtlichen Finanzierungsmöglichkeiten, Sponsoring; Koordination innerhalb der Region. Auch hier der Aufruf: Wer fühlt sich angesprochen und ist motiviert, eine Aufgabe innerhalb eines solchen Teams zu ergreifen? Gerne Reaktionen!

Imke Jelle van Dam: Das Euritmie Impresariaat verfügt über Websites, die ’Euritmie-Muziektheaterkrant’ , einen E-Mail Newsletter und diverse Garantiefonds. Willst Du diese mit der Zeit übernehmen?

Ernst Reepmaker: Ja, natürlich, denn es sind ausgezeichnete Tools, um unsere Arbeit mit Bühneneurythmie unter die Menschen zu bringen. In der Eurythmie-Musiktheater Zeitung wird ein lebendiges Bild der Aktivitäten in Holland und Belgien präsentiert. Mit dieser Zeitung hast Du in den vergangenen Jahren ein anregendes PR-Instrument geschaffen und eine umfassend angelegte Dokumentation der Entwicklungen. QuoVadis wird das Bulletin übernehmen, in angepasster Form weiterführen und gegebenenfalls auch in den anderen drei Ländern einsetzen. Erhalten bleiben die ausführliche Berichterstattung zu den Vorstellungen, Produktionen, Performer_Innen und ihren Intentionen, zum Diskurs und die Stückbesprechungen.

Ich möchte diverse Autor_Innen einladen, über Bühneneurythmie im Kontext unserer Zeit bzw. der zeitgenössischen Kunst überhaupt zu schreiben. Ich hoffe, Tanzjournalist_Innen gewinnen zu können, über Eurythmie im Kontext zeitgemäßer Bewegungssschulungen zu schreiben und Eurythmieproduktionen konstruktiv-kritisch zu besprechen.

Auch die Idee der Garantiefonds spricht mich sehr an. Es ist selbstverständlich, dass QuoVadis diese Fonds übernehmen wird und ich hoffe sehr, dass die Beteiligten unsere Initiativen weiter unterstützen werden. Diese Gruppe bildet einen vital-wichtigen Freundeskreis und das schönste wäre, wenn dieser Kreis sogar weiter wachsen würde!

Symbol für die erste öffentliche Eurythmie Vorstellung in Holland: Eurythmie Ensemble in 1921 QuoVadis Euritmie Impresariat plant ein Jubiläums-Festival in 2021.

Ich würde mich freuen, wenn Zukunftsvisionen wie die oben beschriebenen positive Erwartungen weckt, vor allem auch Leser_Innen dazu motiviert sich bei uns zu melden (reepmaker@quovadis-impresariat.eu) bezügl. Zusammenarbeit. Alle diese Ideen und Impulse können noch so stimmig gedacht sein, wichtiger aber ist, dass eine große Gruppe interessierter Menschen eine Tragfläche für unsere Arbeit mit Bühneneurythmie bildet. Eine wachsende Bewegung! Gleichzeitig sollen Bedingungen geschaffen werden, um neue Ensembles entstehen zu lassen und diese Chancen zu geben auf hohem Niveau zu produzieren und aufzutreten.

Auch hier ist viel zu tun! Sowohl auf dem Gebiet der Finanzierung professioneller Bühnenarbeit mit Eurythmie als auch bei der Unterstützung von Talentierten fehlt es noch an Mut und Willen. Und last but not least sollte es uns gelingen, die Bühneneurythmie und die Performer_Innen aus der Anthro-Nische zu be- freien und sie in dem allgemeinen Kulturgeschehen einzubringen. Das fordert eine gänzlich neue Vision für das Gestalten von Eurythmieproduktionen in unserer Zeit. Auch dafür wünschen wir uns ein Publikum, das Anteil nimmt an der Art, wie Ensembles und Künstler_Innen neue Wege betreten. Quo vadis …

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