Interview

Ende 2021: Eurythmie-Virus in Holland?

Academy of Living Movement, cite specific project. Performance: Linde Hals. Solo: Rilke Texte (self devised) am Nordflügel der Wotruba Kirche, Wien. Inspiriert von der Architektur der Außenfaßade. Foto: Robert Hammel, 2005

Bis zum Jahr 2021 wird Imke Jelle van Dam seine Tätigkeiten für das Euritmie Im­presariaat Nederland Schritt für Schritt abbauen. Zugleich übernimmt Ernst Reep­maker immer mehr Aufgabenbereiche, so auch im deutschsprachigen Raum.

Imke Jelle van Dam: Dein Ansinnen ist, dass Du in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland und Holland Produktionen mit Eurythmie von Ensembles und SolistInnen präsentieren willst, die ein bestimmtes Maß an Qualität vertreten. Kannst Du erzählen, wie Du vorgehst, wie Du Qualität bewerten willst und was Deine Kriterien da sind?

Ernst Reepmaker: Qualität bewerten von performativen Kunstwerken und Eurythmieproduktionen im Besonderen, ist für mich immer ein subtiler und facettenreicher Vorgang. Ich schaue auf die Produktionen, ausgehend von Interesse, Respekt und Übersicht (Hintergründe, Kulturgeschichte, Stilfragen, usw.), und auf dieses spezifische Werk dieser KünstlerInnen, im Rahmen dieser Kunst und im Kontext unserer Zeit. Jeder Aspekt eines Eurythmieprogramms kann man in einem viel größeren Zusammenhang sehen und gleichzeitig als hervorgebracht aus einem individuell-biografischen Hintergrund. Es ist – und davon gehe ich bei jeder professionellen Arbeit aus – die Frucht eines tiefgehenden forschenden Prozesses, ein intensives und aufwendiges Spielen der Beteiligten auf hohem Niveau.

Substanz – Liegt dem Programm ein spezifischer Impuls zu Grunde, der in den Ensemblemitgliedern und in der Jetzt-Zeit ansetzt? Wird die Substanz Schritt für Schritt im Schaffensprozess vom gesamten Ensemble entwickelt auf Basis der Erfahrungen und Fähigkeiten aller? Indem die Entstehung der Produktion von allen Beteiligten gleicherma­ßen aktiv erzeugt wird, und also niemand nur ausführend tätig ist, entsteht ein authentisches Kunstwerk und keiner der KünstlerInnen ist austauschbar. Eine solche Produktion ist auch nie fertig, wird immer weiterentwickelt. Diese Arbeitsmethode wird nach dem ursprünglich Englischen Begriff devising genannt.

Erneuerung – Geht eine Wirkung vom Programm und von der Art wie es gemacht wurde aus? Berührt diese Pro­duktion das aktu­elle Geschehen in der Gesellschaft? Geht es hier um erneuernde Aspekte im Umgang mit performa­tiver Kunst, insbesondere im Um­gang mit dem Medium Eurythmie oder EurythmieTheater? Was ist einmalig und unverwechselbar gerade an dieser Produktion? Was habe ich noch nie gesehen und was überrascht mich? Gelingt es diesen KünstlerInnen, etwas Neues aus der unendlichen Quelle ‚Eu­rythmie’ hervor zu holen, oder wiederholen sie, was ich bereits oft gesehen habe, aber sie ziehen es ein anderes Mäntelchen an? Ich erwarte von Kunst, gerade auch von eurythmischer Kunst, dass sie mich überrascht, verführt und mir Neues zeigt. Jede weitere Pro­duktion auf professioneller Ebene bringt Erneuerung, bringt Ur­sprünglichkeit.

Dramaturgie – Erzeugt die Inszenierung intensive Momente? Werden Situationen und Bilder originell inszeniert? Erleben die ZuschauerInnen Kontraste, Brüche, Stops, Slow Motion, dynamische Veränderungen, Abwechselung, Vitalität? Nicht zu viel vom Selben? Wie atmet das Ganze? Ist die Inszenierung im Umgang mit Zeit und Raum musi­kalisch, plastisch, poetisch oder eher dramatisch angelegt? Ist das Werk in sich stringent? Liegt ein gezielter Span­nungsbogen der Dramaturgie zu Grunde? Welche Rolle spielen Musik und Sprache, spielen z.B. Objekte und Me­dien? Wie werden diese eingesetzt? Wird dramaturgische Präzision durchgehend erlebbar? Jede Interaktion, jede Eurythmografie ist Ausdruck einer spezifischen dramaturgischen Intention. Kommt es rüber?

Autonome Eurythmie – Oft erlebe ich, dass die Musik bzw. die Sprache, die gleichzeitig im Raum klingen, wäh­rend ich die Eurythmie anschaue, von mir und vom Geschehen Energie abziehen. Durch die Gleichzeitigkeit von Höreindruck und Bewegungserlebnis, spricht oder singt die Gebärde, die Bewegung, die Choreografie nicht für sich. Die Höreindrücke und die sich daran anschließenden inneren Interpretation nimmt der Bewegung ihre eigentliche autonome Qualität, selbst Sprechen, will sagen Aussage zu sein bzw. selbst Singen, singendes Bewegen zu sein.

Hier ist m.E. ein Paradigmenwechsel nötig und möglich, hin zu selbst geschaffener und gelebter Zeit bzw. weg von der Bindung an das Hörbare hin zu selbst geschaffener und gelebter Zeit. Natürlich ist die hohe Symbiose von Hörbarem bzw. Unhörbarem und Gesehenem, Bewegtem grundsätzlich in der Eurythmie intendiert und wird von manchen KünstlerInnen in herrlicher Perfektion beherrscht. Aber sie muss nicht sein. Eurythmie kann autonom auf­treten und wird dadurch umso interessanter!

Register in der Kunstfertigkeit – Und hier erwacht für mich eine neue Sicht auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten der SpielerInnen. Wie bewusst gehen sie mit ihrer intensionalen Wirkung um? Werden ihre Talente, ihre eurythmi­schen Register vielseitig geweckt und eingesetzt? Treten alle Facetten ihrer Kunstfertigkeit hervor? Neue, unerwar­tete, einmalige, originelle und überraschende Seiten? Und das, belebt von einem ständig imaginierenden Sinn und durch Beherrschung der spezifisch-eurythmischen Bewegungstechnik.

Ästhetische Vision – Und dann betrachte ich auch das ästhetische Konzept. Welche ästhetischen Ansichten wir­ken stilbildend in der Produktion? Schafft die Gruppe z.B. noch aus dem Geiste des Jugendstils? Ist das ästhetische Ansinnen noch immer darauf gerichtet diese künstlerischen Werte, die schon lange nicht mehr gelten (sei es denn im museal gemeinten Sinne) zu aktualisieren? Gibt es zeitgenössische ästhetische Visionen? Welche Facetten stellen sich die Spieler dabei vor? Welche Bewusstheit wirkt im Umgang mit den MitspielerInnen, mit dem Raum, mit der Zeit, mit der Intention der Bewegung?

Dialog mit dem Publikum – Ein weiteres Thema ist für mich: Wie wird das Publikum einbezogen bzw. angespielt? Hier ist nicht Animation gemeint, obwohl diese z.B. gerade bei Produktionen für Kinder und Jugendliche ein bedeut­sames eurythmisches Mittel sein kann. Erleben die Zuschauer, ohne sich dessen u.U. bewusst zu sein, die soge­nannte ‚Vierte Wand’ und wirkt das Geschehen auf der Bühne in sich wie hermetisch geschlossen? Oder dialogisie­ren das Werk und die Protagonisten mit dem Zuschauer? Wie wirkt, wie atmet es? Gelingt es?

Bewegungsqualität – Dann ist da noch die Frage nach der Qualität und technischen Professionalität. Beherrschen die SpielerInnen die diversen eurythmischen Bewegungstechniken umfassend, will sagen: das Instrument, der ei­gene bewegende Körper ist vollständig durchgearbeitet und ein weitreichendes Bewegungsregister ist lebendigst vorhanden. Wird dieses ganze Können in der Produktion gezeigt? Gute DarstellerInnen mit vielseitig ausgebildeten Registern und Spieltrieb zeigen von An­fang an ein ’Versprechen’, dass sie bis zum Ende halten, indem sie immer wieder neue Dimensionen ihres Könnens aufdecken bzw. zurückhalten (aber ahnen lassen).

Academy of Living Movement, cite specific project. Performance: Linde Hals.
Solo: Rilke Texte (self devised) am Nordflügel der Wotruba Kirche, Wien.
Inspiriert von der Architektur der Außenfaßade. Foto: Robert Hammel, 2005

Imke Jelle van Dam: In einem früheren Interview erwähntest Du: „Könnten wir u.U. zusammen mit verschiedenen Eurythmieausbildun­gen eine flexible Schulungsform für Eurythmiechoreografen, -performer und -dramaturgen entwickeln und verwirk­lichen? Das wäre dringend nötig!” Was schwebt Dir vor? Inwiefern hast Du mit KollegInnen von Ausbildungen schon darüber gesprochen und was waren die Reaktionen?

Ernst Reepmaker: In den vergangenen letzten Dezennien hat sich innerhalb der Eurythmieausbildungen ein Shift vollzogen von hauptsächlich Bühneneurythmie-Kunstschulung hin zu fast ausschließlich Eurythmielehrerusbildung. Pädagogik bzw. Agogik als Ziel bekam immer mehr Gewicht. Die Fachgebiete Choreografie, Dramaturgie und Performance in Zu­sammenhang mit Eurythmie als performative Kunst, gerade auch in Zusammenhang mit den kulturellen Entwicklun­gen innerhalb der Bühnenkünste der letzten hundert Jahre, werden m.E. unzureichend gelehrt.

Seit mehreren Jahren denke ich über neue Ansätze für eine Eurythmie-Bühnenausbildung nach. Ich selbst habezusammen mit einigen erfahrenen KollegInnen einen ersten Versuch in dieser Richtung unternommen: Wir haben 2004 in Wien die Academy of Living Movement gegründet, ein international geführtes ‚Biotop’ für Bühneneuryth­mie-Schulung. Eurythmie als Bewegungstechnik bis in die Fingerspitzen zu beherrschen, stand im Zentrum unserer Arbeit. Dafür wurden von uns neue Methoden und Ansätze entwickelt. Schulung von Bewegungsphantasie, Bewe­gungsvielseitigkeit und Bewegungskompetenz waren tägliches Brot. Dazu kamen die Hauptfächer Choreografie und Performance (wo die Studierenden von Anfang an selbsttätig und miteinander Fähigkeiten zu erwerben hatten) und Dramaturgie oder Devising (miteinander eigene Produktionen inhaltlich entwickeln und gestalten). Alle Nebenfächer (Anthroposophie: Anschauung der Sinne und des bewegenden Körpers, Mutationsformen des menschlichen Be­wusstseins, Metamorphose; unterschiedliche Bewegungstechniken, Spiel und Improvisation, Schulung der Phanta­sie, Storytelling, Gesangs- und Sprechtechniken, Entwicklung der Eurythmie innerhalb des Kontextes der Tanzge­schichte, usw.) dienten dazu, diese drei Hauptfähigkeiten substanziell zu bereichern. Jedes Trimester gipfelte in Serien von den Studierenden selbst gestalteter Produktionen, immer wieder entwickelt mit KünstlerInnen aus ande­ren Disziplinen. Im vierten und letzten Jahr der Ausbildung gingen die Studierenden ihren eigenen Weg, raus in die Welt, um vollständig autonom mit anderen KünstlerInnen und in verschiedensten Kontexten eigene Werke zu pro­duzieren und zu präsentieren, die eigenen Werdeprozesse zu analysieren und zu dokumentieren.

Wenn ich jetzt wieder über eine neuartige Eurythmie­ausbildung mit Schwerpunkte auf Performance, Choreo­gra­fie und Dramaturgie nachdenke, würde ich den Ansatz in dieselbe Richtung ausarbeiten, und sogar einige Schritte weitergehen: Ich sehe eine Schulung vor mir, die hauptsächlich in der Verantwortung der Studierenden selbst liegt und die nicht an einer festen Ausbildungsstätte stattfindet. Überall in der Welt, wo ausgehend von einer lebendigen, reichen und professionellen Erfahrung Eu­rythmie-KünstlerInnen Lust darauf haben, ihr Können mit Studierenden zu teilen und diese bei ihrem schöpferi­schen Prozess zu unterstützen, kann Ausbildung von Eu­rythmie-Bühnenkünstle­rInnen sich ereignen! Dies könnte in Järna, in Alfter, in Stuttgart, in Witten, in Berlin, in Wien, in Sāo Paolo, usw. sein. Es können mehrere Grup­pen junger KünstlerInnen gleichzeitig in verschiedenen Orten studieren. Am Ende ei­nes Studienjahres: komplette Festivals mit eigenen Produktionen der Studierenden.

Academy of Living Movement, self devised project: Encounter. Performance: Elisabeth Gruber und Eveliina Sivonen. Innenraum der Wotruba Kirche, Wien. Foto: Robert Hammel, 2005.

Hier steht nicht eine bestimmte Strömung, nicht eine bestimmte Auffassung im Zentrum der Arbeit. Es geht ge­rade um unterschiedliche Konzepte, sich Eurythmie zu erarbeiten und mit ihr zu produzieren. Und von Anfang an suchen die Studierenden selbst autonom ihren Weg innerhalb eines Kollektivs. Dabei lernen sie in der Praxis als Gemein­schaft schöpferisch, technisch und methodisch mit Inhalten zu entwickeln und zu produzieren.

Für diese Schulung kommen m.E. junge Menschen in Betracht, die schon viel Erfahrung mit Eurythmie verinner­licht haben, z.B. durch 12 Jahre motivierenden Eurythmieunterricht in einer Freien Waldorfschule und dazu sogar extra mit anderen Jugendlichen ihr eurythmisches Können vertieft haben (z.B. bei YEP oder What Moves You?). Ein bereits gut geschultes und phantasievolles Formgeben der eigenen Bewegung ist wesentlich. Und diese jungen Menschen zeigen ebenfalls in einer Zulassungs-Audition ihr Spektrum an anderen künstlerischen Fähigkeiten: Sin­gen, Beherrschung eines Musikinstrumentes, Storytelling, Gedichte schreiben und rezitieren sowie selbst entwi­ckelte Bewegungssequenzen. Der Künstler/Die Künstlerin sollte schon hochgradig geweckt-, die Phantasie lebendig- und die Lust um selbst performativ-eurythmische Bühnenkunst zu produzieren eine Selbstverständlichkeit sein Diese Qualitäten sehe ich als Bedingung um autonom und aktiv in diesem spezifischen Schulungsverlauf partizipie­ren zu können. Teams junger Menschen, die in dieser Richtung miteinander zusammenarbeiten wollen, reisen pro Trimester woanders hin, um einige Monate an einem Ort zu leben und mit erfahrenen KünstlerInnen zu arbeiten. Dann geht die Reise weiter zu einem anderen Quellort. Der Weg wird durchgehend reflektiert und dokumentiert.

Jetzt erst, lieber Imke Jelle, kann ich auf Deine eigentliche Frage eingehen: Wie reagieren meine Gesprächspart­nerInnen auf diesen Impuls und meine Ideen dazu? Natürlich ganz unterschiedlich! Für einige KollegInnen ist es eine sinnlose Utopie. Anderen sehen diese Form der künstlerischen Freiheit und Disziplin erst als sinnvoll bzw. möglich, nachdem die Studierenden eine vierjährige Basisausbildung absolviert haben. Ich habe auch mit KollegInnen gespro­chen, die u.U. bereit sein würden, Teile meines Konzeptes in ihren Ausbildungen zu integrieren. Und wieder andere KollegInnen sind neugierig, einzelne Ansätze zuerst einmal in intensiven Probesituationen erleben zu können. Und so schlug eine Kollegin mir vor, dass QuoVadis einmal eine ganze Woche mit solchen Schulungsansätzen ausarbei­tet. Ihre Ausbildung würde die eigenen Studierenden teilnehmen lassen und alle Workshops mit Studienpunkten hono­rieren. Eine spannende Herausforderung! Diesen Vorschlag möchte ich unbedingt aufgreifen, wenn die Zeit dafür reif ist. Ich lasse mich gerne auf einem Diskurs zu diesem Thema ein.

Imke Jelle van Dam: In den vergangenen Monaten haben wir verschiedene Theater besucht und angeschaut. Kannst Du von einigen be­schreiben, welchen Eindruck sie auf Dich gemacht haben und welche Möglichkeiten Du siehst bezüglich der zukünfti­gen Programmierung?

Ernst Reepmaker: Mit diesem Thema berührst Du die Frage, wie es überhaupt in der heutigen Zeit steht um öffentliche Auftritte in größeren Häusern. Wir beide, Du und ich, haben mehr als 30 Jahre um diese Frage gerungen. Wir waren einerseits (teilweise auch sehr) erfolgreich, hatten Glück und waren euphorisch, aber andererseits machten wir Bauchlandun­gen, trafen Fehlentscheidungen oder gaben uns Illusionen hin. Es war immer wieder ein großes Risiko, Eurythmie­produktio­nen in Theatern zu präsentieren. Was hast Du dazu nicht alles in Bewegung gesetzt und wie ideenreich musstest Du vorge­hen. Diese Herausforderung will ich mit QuoVadis wieder in Angriff nehmen.

Igemon Performances (Järna, Schweden): Islands. Performance: Marianne Kleiser-Fors und Hans Fors. Innenraum der Wotruba Kirche, Wien. Foto: Robert Hammel, 2005.

Beim Besuch der verschiedenen Theater und beim Betrach­ten der Bedingungen vor Ort (Anzahl der Sitzplätze im Saal, Bühnengröße, Spielmöglichkeiten mit dem Raum, Kosten und Preise, Transfermöglichkeiten zum Theater, Atmosphäre im Haus, usw.) fragte ich mich immer: Welches Setting bietet die­ses Theater uns und welche Produktionen bzw. Ensembles oder Veranstaltungsformate kann ich mir hier realistischer­weise vorstellen? Wieviel ZuschauerInnen sind bei dieser oder jener Gruppe zu erwarten? Wie groß ist deren Bekanntheit, z.B. innerhalb der anthroposophischen Bewegung oder inner­halb der Eurythmieszene? Könnten wir zusätzlich mit einem Publikum rechnen, das nicht zu diesen Kreisen gehört? Wie er­reichen wir diese Menschen? Lohnt sich der Aufwand?

Du, Imke Jelle, und ich, wir haben uns ziemlich viele Theater angeschaut und bei uns ist inzwischen ein umfas­sendes Bild entstanden, so dass wir jetzt in sieben Kernorten in Holland geeignete Theaterräume gefunden haben, um ein divergierendes Spektrum an Produktionen mit Eurythmie präsentieren zu können.

Ergänzung: Für Deutschland, Österreich und für die Schweiz werden wir versuchen, ähnliche Infrastrukturen aufzustellen. Dazu die herzliche Bitte an die LeserInnen: melden Sie sich, wenn Sie dazu Ideen und Empfehlungen haben. Melden Sie sich gerne auch, wenn Sie bei QuoVadis mitwirken möchten. Wir freuen uns!

Imke Jelle van Dam: Stellen wir uns vor, Du könntest über ein praktisch unbeschränktes Budget verfügen und Du wirst gebeten, 2021 in ganz Holland im Rahmen von Feierlichkeiten zum Jubiläum 100 Jahre Bühneneurythmie (1921 erster Auftritt der Goetheanumbühne in Holland) deine Ideale in einem Setup von Aktivitäten zu verwirklichen. Wie könnte das ausse­hen?

Ernst Reepmaker: Meine eigentliche Intention würde sein, in 2021 bei jeder Gelegenheit Dialoge zwischen KünstlerInnen, die mit Eurythmie arbeiten und VertreterInnen des öffentlichen Kulturgeschehens zu arrangieren. Wir haben etwas über zwei Jahre Zeit, um uns darauf vorzubereiten. Ein wichtiger Ausgangspunkt ist für mich, dass wir unkonventionell, offensiv und mit Phantasie zu Werke gehen. Wir sollten versuchen, wo es nur geht an das anzuschließen, was vor Ort kulturell lebt und gleichzeitig immer wieder etwas zu präsentieren, das an Grundfesten rüttelt. Denn, genauso wie Pioniersgeist und Beherztheit 1921 bei den damaligen EurythmistInnen lebten, die eine komplett neue Kunst (die noch ein Baby war) auf die Bretter stellten, so braucht unser Projekt2021 offensive Kraft und mumm.

Eurythmische Flashmobs – In allen sieben Kernorten, die wir in den kommenden Jahren als Zentren für Eurythmie aufbauen wollen, möchte ich 2021 mehrmals auf großen Plätzen und in anderen inspirierenden Locations an­spruchsvolle Flashmobs mit und für großen Gruppen von Menschen organisieren. Dazu engagieren wir aus der in­ternationalen Eurythmieszene KünstlerInnen, Ensembles und Gruppen von StudentInnen, die den Mut und das For­mat haben, um solche Unternehmungen zu gestalten. Ausgehend von unterschiedlichen Themen und Arbeitsweisen (poetisch – musikalisch – imaginativ – absurdistisch – politisch – provozierend – historisch), immer inspiriert von dem Ort, an dem gespielt wird, soll mit örtlichen Grup­pen und anderen KünstlerInnen ein Geschehen mit durchaus spek­takulärem Charakter inszeniert wer­den. Angestrebt wird eine starke Wirkung im öf­fentlichen Leben.

Zirkus und EurythmieTheater – Im Sommer sehe ich eine große Produktion eines Familienprogram­mes mit Zirkus und EurythmieTheater in einem großen Zelt vor mir, mit Kapazität für 500 bis 800 Menschen. Ich stelle mir vor, dass für dieses Pro­jekt mit einigen Waldorfschulen zusammengear­beitet wird, wo Chor- und Orchesterwerke einstu­diert werden, die während dieses Programms zu hören sein werden. Ein echtes Zirkusor-chester gehört natürlich dazu. Ein Cirque du Soleil in einem etwas bescheideneren Format, wo Euryth­mie/ Tanz, Zirkusnummern und Musik ineinander­fließen zu einem imaginativen Bewegungstheater um eine span­nende und unterhaltsame Geschichte.

Kleine Festivals und ein großes Event – Die Flashmobs in den erwähnten sieben Zentren sollen Highlights in Festi­vals sein, die dort ebenfalls stattfinden werden. Hier bekommt das Publikum Gelegenheit, hochwertige Produktio­nen mit Eurythmie zu erleben und in Form von Workshops Eurythmie selbst aktiv kennen zu lernen.

Gegen Ende des Jahres findet in Den Haag im Theater Nieuwe Regentes und in einigen anderen Locations ein großes Festival statt. Mehrere große Produktionen werden präsentiert und es soll auf unkonventionelle Art gezeigt werden, dass Eurythmie als Kunstform überall anschließen und anregen kann, wo etwas Neues entstehen will.

In meiner Vision vom Projekt2021 endet dieses Unterfangen mit Nachrichten in den Medien, dass ein anste­ckender Virus (bacillus eurytmicus) im ganzen Land wuchert, dass Menschen in ihrem Willen dynamisiert. Es bringt sie dazu, alles in Bewegung zu erleben und jede alltägliche Handlung als ganzer Mensch bewegend verrichten zu wollen, sprich zu tanzen. Diese vom Eurythmie-Virus infizierten Menschen fühlen sich wie Kinder und sie sehen überall Potential, Möglichkeiten und Chancen etwas spielend zu verändern. Jede Handlung wird so zum Glückser­lebnis! Das eigene Leben als Bewegungskunst, voller unerwarteter Augenblicke und Begegnungen. Ja, das Virus weckt in diesen Menschen so etwas wie eine nicht-aufhören-wollende Verliebtheit …

Titelbild:  Community Eurythmy Project: Luigi Cherubini, Requiem in c-Moll. Performance: Eurythmie, Ensemble von 50 Personen/SchülerInnen; Gesang und Musik, Chor der Rudolf Steiner Schule Wien Mauer und 11. Klasse Freiburg-Wiehre, sowie Schulorchester RSS Wien Mauer. Rechts unten: Brigitte Reepmaker, Angelus Huber, Lisza Schulte und Welmoed Kollewijn. Odeon Theater, Wien. Foto: Karl Hruza, 2010.

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