Rezension

2. Eurythmie Festival Wien 2019

Ein Rückblick

Ihoch3 – SITUATIVE KOMPOSITION / Foto: © Robert Hammel

Zum zweiten Mal veranstaltete das Quo Vadis Impresariat und die Schule für Eurythmie in Wien vom 8.-10. März ein Eurythmie Festival. Das Festival ist eine Neuheit in der Eurythmie Szene und bietet dem Publikum ein breites Spektrum an Stilen und Themen. Die Zuschauer bekommen die Möglichkeit eine Diversität kennen zu lernen und eurythmische Qualität differenziert wahrzunehmen. Neun sehr unterschiedliche Ensembles und Solisten zeigten ihre aktuellen Produktionen. Durch die vielseitige Programmgestaltung und Spielortwahl, wurden unter­schiedliche Alters- und Interessengruppen angesprochen.

Die sechs ausgewählten Aufführungsorte verliehen dem Festival eine innovative Note und trugen ihrerseits wesent­lich zu dem offenen und vielseitigen Charakter bei. Die Künstler bespielten das Spitzy Auditorium im Orthopädischen Spital Speising, die Rudolf-Steiner-Schule im Maurer Schlössl, die Sankt Ruprechtskirche, den Albertina Platz, den Juden Platz und die Wotruba Kirche. Die sozialen und urbanen Orte wurden zu Räumen der Kunst erklärt. Bei einigen Aufführungen verbanden sich atmosphärische, architektonische, historische und funktionale Eigentümlichkeiten, untrennbar mit dem entstandenen Werk.

Im Spitzy Auditorium des Orthopädischen Spitals startete das Festival mit dem Märchen „Östlich der Sonne und westlich vom Mond“ des Novalis Eurythmie Ensembles. Der Jugendstil-Saal wurde mit groß­zügig gespannten Tüchern, Gazen und einer aufwendigen Lichtdramaturgie zu einer Bühnensituation verwandelt und der Zuschauer dazu angeregt, sich in die zauberhafte Stimmung des Märchens entführen zu lassen. Die großzügig und andächtig fließenden Gebärden, die sich durch das gesamte Stück trugen, schufen eine langsame ausgedehnte Gesamtdynamik einer ruhig wirkenden Inszenierung. Die dezente Charaktergestaltung der einzelnen Figuren, getra­gen gesprochene Textpassagen und reduziert eingesetzte Klänge, forderten vom Zuschauer sich in die Armbewegungen der Eurythmisten vollends träumerisch naiv hineinzubegeben.

Wie anders war die Märcheninszenierung des Orval Eurythmietheaters „Der gestiefelte Kater“, welche an dem sel­ben Tag parallel zum Novalis Eurythmie Ensemble, eine Schüleraufführung in der Rudolf-Steiner-Schule Wien Mauer darbot und auch am Samstagnachmittag eine öffentliche Aufführung haben sollte. In dieser Inszenierung dominierten Slapstick und die Lautstärke von Sprache und Musik sowie Gebärde mit ausgeprägter Formkraft. Der Zuschauer erlebte Bewegungen, die den ganzen Körper gespannt, virtuos und mit viel Geschicklich­keit mitnahmen, sowie dramaturgische Griffe und prägnante Charaktere, die den Zuschauer nicht einen Augenblick abschweifen ließen.

Die Schule für Eurythmie / Wien gestaltete am Freitagabend im Orthopädischen Spital im Arnold-Jansen-Saal einen Workshop, in dem es darum ging Bilder einer Geschichte mit Bewegung zu verbinden und durch die Bewegung in eine Geschichte einzutauchen. Im Fokus stand die Zusammenführung von Polaritäten. Es ging darum Vereinigung zu bemerken und von Anpassung zu differenzieren. Die Teilnehmer bewegten die Frage, ,,Was muss bleiben, weil es sich nicht anpassen kann und was schafft eine neue Perspektive?“

Das Novalis Eurythmie Ensemble präsentierte im Anschluss weitere Stücke unter dem Titel „Wandel der Zeiten | Rebecca Clarke’s Trio“ und auch hier schien der ehrwürdig königliche Charakter des Spitzy Auditoriums wie gemacht für ihre Darbietung. Die präzise ausgearbeiteten Laut- und Toneurythmische Stücke wirkten durch Synchronität und Wiederholung in der choreografischen Gestaltung sowie durch die prätentiöse und große Gebärdenführung sehr erhaben und auch laut im musikalischen Ausdruck.  Die Eurythmisten schienen, sich ganz einer scheinbar größeren Sache verpflichtet zu füh­len. Ernsthaftigkeit und Bedeutungssubstanz standen im Vordergrund.

Der zweite Festivaltag begann in der Sankt Ruprechtskirche, der ältesten romanischen Kirche von Wien. Die Bänke der Kirche waren alle besetzt, als Birgit Hering für die Eurythmie und Kanahi Yamashita mit der Gitarre den Vorraum des Altars betraten. Die Performance „Chaconne * Zeit im Raum“, begann still und Birgit Hering bewegte in ihrem leuchtend blauen Kostüm durchgehend in geführter Eleganz. Die Choreografie wirkte ausgestaltet und dennoch suchten einige Zuschauer nach der Intention, die der künstlerischen Gestaltung von Birgit Hering zu Grunde liegt. Kanahi Yamashita überraschte mit ihrer virtuosen Spielart von Bachs Chaconne und zog die Aufmerksamkeit auf sich. Es ist ein feines, leichtes Stück, welches durch das Setting der zwei Frauen in der alten Kirche getragen wurde.

Drei Frauen des Ensamble-Estar aus Bonn betraten nach einer kurzen Pause den Aufführungsraum. Für ihr aktuelles Stück „Instante“ forschten die drei jungen Künstlerinnen an der Verbindung von Schauspiel, Musik und Eurythmie. Das Stück ist durch seine psychologische Tiefe nicht ganz einfach auszuhalten. Doch spätestens als die Geschichte „La Loba“, gesprochen durch Sina Große-Beck begann, konnte das Publikum sich auf den dramaturgischen Bogen einlassen. Das Stück spielt mit drei Sprachen, spanisch, deutsch und französisch und lässt den Zuschauer mal verstehen und mal nicht. Die wechselnden Rollen der Schauspielerin Sina Große-Beck und der Eurythmistin Mei Kadic forderten das Publikum darin heraus, wach dabei zu bleiben und sich auf das Geschehen im Dazwischen einzulassen. Ein schönes Debut des Ensembles.

Weiter ging es nach einer längeren Pause in der sonnigen Innenstadt mit der Performance „Heimaten“ von Hans Wagenmann aus Bonn. Die Produktion setzt sich mit der Frage der eigenen Identität auseinander. Den ersten Teil performte der Künstler auf dem Albertina Platz, wo sich sechs Straßen an einer Kreuzung treffen und das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus steht. Performer und Zuschauer, unter anderem Touristengruppen und eine Schulklasse, bildeten eine ganz besondere Spannung zwischen Alltags- und Kunstraum. Die Biografie des Künstlers knüpft an der Auswahl der Aufführung­sorte für die Arbeit „Heimaten“ an. „Ich tanze meine Performance nicht ich lebe sie“, sagte Hans Wagenmann auf die Frage, was ihn bewegt seine Arbeit im öffentlichen Raum zu zeigen. Diese inhaltliche Tiefe war sichtbar.

Am Judenplatz, bei dem Mahnmal für die Opfer der Shoa, erschien er eingehüllt in einer grauen Decke. Als er sie fallen ließ und in einem leichten weißen Kleid, dass im Wind wehte dastand, zog er die Blicke der Zuschauer und Passanten auf sich. Der Wind fügte sich in die Performance ein, indem er die Blätter des Buches, welches Hans Wagenmann als Requisit diente, bewegte und eine Geräuschkulisse entstand.

Die Hochglanzprospekte des Festivals gaben nicht nur Hinweise auf die einzelnen Künstler, sie beinhalteten auch Wegbeschreibungen zu den Aufführungsorten, was spätestens am Abend jeder im Publikum befürwortete, der sich alles angesehen hatte.

Das Abendprogramm startete in der Rudolf-Steiner-Schule im Maurer Schlössl mit dem reich besuchten Workshop unter der Leitung von Emmanuel Rechenberg von dem Ensemble Ihoch3 aus Bonn. Der Workshop gewährte den Mit­wirkenden Einblicke in die Forschungsarbeit der fünf Künstler. Es ging darum, sich in seinen Impulsen zu bemerken, ernst zu nehmen, etwas zu verfolgen und damit in einen Dialog zu treten.

Während für das Orval Theater mit dem gestiefelten Kater noch die traditionelle Guckkastenbühne der Rudolf-Stei­ner-Schule genutzt wurde, war für den Performanceabend mit Martja Brandsma aus Dornach und dem Ensemble Ihoch3 eine andere Bühnensituation geschaffen worden. Im Festsaal der Schule, welcher einen weitläufig und hohen Raum bietet, wurde eine großzügig-geschaffene Bühnenfläche in der Mitte des Raumes ausgeleuchtet, um den das Publikum in Halbkreisen Platz nehmen konnte. So war eine Offenheit im Raum und gleichzeitig konnte eine Nähe auf Augenhöhe zum Publikum entstehen.

Martje überzeugte mit ihrem Stück „Dahinter ist Nichts“, eine Performance über eine Mondfigur mit Klaviermusik von Beethoven. Sie zeigte ausgestaltete, gekonnt ausgeführte Bewegungen und eine Choreografie mit klaren dra­maturgischen Bogen. Einzelne Fußzehen waren in Schritten mitchoreografiert und Dynamiken bis ins kleinste Detail miterlebbar.

Den Abschluss des Abends bildete das Ensemble Ihoch3 mit ihrer „Situativen Komposition“. Das Forschungsensem­ble bestehend aus vier Eurythmisten und Michael Gees am Klavier, zeigte drei verschiedene Versuchsanordnungen der Improvisation, in denen der Zuschauer Teil wurde von einer Entwicklung, die im Moment entsteht. Es entstan­den Kompositionen, die durch das hohe Maß an Aufmerksamkeit wirkten und die Zuschauer miterleben ließ, wie sich tastend Realität erschließt.

Im anschließenden Austausch zwischen Zuschauenden und dem Ensemble, berichteten einige über Bewegungsmo­tive, die sich in ihnen auftaten und eine empfundene Notwendigkeit diese zu bewegen. „Besonders beeindruckten mich die Momente, in denen die Bewegerinnen immer wieder nüchtern Abstand nah­men vom Geschehen und sich besannen auf sich zu viert und dann wieder neu entschlossen einen unbekannten Raum betraten“, so Ernst Reepmaker, Kurator und Veranstalter des Festivals.

Am windigen Sonntag ging es nachmittags weiter in der Wotruba Kirche am Georgenberg, die mit ihrer einprägsa­men Kulisse aus Betonstelen viele Zuschauer anlockte.

Hier zeigten nun erstmals das Goetheanum-Eurythmie-Ensemble sowie das consigne8ensemble aus Basel ihre Stü­cke. Wie konnten die Ensembles die Atmosphäre vor Ort aufgreifen und wie gestalteten sich die Stücke von Hans Wagen­mann, Martje Brandsma und Birgit Hering/ Kanahi Yamashita, welche zum wiederholten Male performten, nun an­ders?

In diesem sakralen Bau wirkte der Mut zur Nacktheit und Unvollkommenheit in den Stücken von Hans Wagenmann, in Gegenüberstellung zur äußeren Perfektion, Reinheit und Klarheit der Bewegungsausführung des Goetheanum-Eurythmie-Ensemble mit dem Stück „Elementares“, wie ein Mehrwert und schuf die eigentliche Spannung des Programms. In den Texten von Christian Morgenstern, welche von dem Goetheanum-Eurythmie-Ensembles bewegt wurden, ging es um die Frage nach dem Zusammenhang des Menschen mit der Welt und seinem Verhältnis zu Gott. Dieser Inhalt vermittelte sich dem Zuschauer im Zusammenspiel der Performance von Hans Wagenmann und der Performance des Ensembles.

Weiter ging es mit Martja Brandsma. Hier wirkte die Schlichtheit des Baus in Korrespondenz zur Klarheit der choreo­graphischen Gestaltung und der nüchternen weißen Kostümierung, als ein in sich stimmiges, sehr forciert wirkendes Gesamtkunstwerk und schien wie eine Steigerung zur Darbietung in der Rudolf-Steiner-Schule Mauer.

Ganz in die Innerlichkeit tauchte das Publikum ein, durch den Monolog, der von drei Künstlern getragen wurde. Das consigne8ensemble Basel zeigte ihr Stück „To Axion Esti – Gepriesen sei!“, dass sich auf die Literatur von Odesseas Elytis bezieht und sich mit der Frage nach Schicksalsbegegnungen auseinandersetzt. So wanderte auch der Blick des Zuschauers immer wieder von einem Akteur zum anderen, bis er schließlich bei einem stehen blieb.

Der Abschluss des Festivals bildete nochmal das Duo Hering / Yamashita, das alles Gewordene wieder zurück brachte in der musikalisch-fließenden Form und zuletzt zu einem einfachen unprätentiösen Kreis mit den Händen.

Das Festival überzeugte durch die sehr stimmig erscheinende Gesamtkomposition des Programms. Wo, wann, was stattfand wirkte von den Veranstaltern empathisch gesetzt und konnte die jeweilige Performance unterstützen und in ihrer Aussage und Wirkkraft mitgestalten.

Die Bespielungen verschiedenster Orte weitläufig über die Stadt verteilt und die Programmgestaltung mit ausrei­chend Pausen und Parallelveranstaltungen, ließen dem Besucher freie Wahl für ihre Aufführungsbesuche und verhin­derte eine Ortsballung und Sondierung.

Man traf sich am Weg von einer zu anderen Performance, kehrte in den Pausen in Restaurants ein oder genoss spon­tan zusammen das sonnige Wetter in dieser großen Kulturstadt. Alles wirkte leicht und dennoch professionell organi­siert. Ein Austausch zwischen Künstlern und Besuchern, konnte stattfinden.

Unerwartet viele Besucher, wenngleich viele bekannte Gesichter aus der Eurythmie- und Waldorf-Schulszene, kamen zu den Veranstaltungen.

Wie viele mehr und wie viele neue Gesichter wären wohl gekommen, hätte die Werbung noch eher und im größeren Stil stattgefunden. Da ist noch Luft nach oben, in einer Stadt mit einem großen Theaterwissenschaftlichen Institut und vielen Kunstakademien. Wie hätten Studierende solcher Institutionen miteinbezogen werden können?

Das Quo Vadis Eurythmie Festival schafft einen Raum vor allem für Eurythmie Künstler der freien Szene, die aus sich heraus in Eigenorganisation, mit Elan und Mut, Fragen auf den Weg gebracht haben. Es stärkt und unterstützt eine Pro­fessionalisierung im Zeitkontext, durch eine offensive Eroberung neuer Bühnensituationen, Aufführungszusammen­hänge und Möglichkeiten des qualitativen Austausches.

Mit Vorfreude blicken wir auf die kommenden Festivals in diesem Stil, mit der jeweilig eigenen Note der Stadt und der Veranstaltungsorganisatoren, am 27 – 29. September 2019 in Den Haag und im Herbst 2020 in Bonn.

 

Autorinnen:

Michaela Prader / Isabelle Rennhack (Vorstand Eventeurythmie e. V. und Projektleitung einsatztselle25-Studio für Tanzkunst und Bewegungskurse)

mit Unterstützung von Kincsö Szabò / Kirsten Wiebers

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